Filmkritik: Life

Man kann von Ridley Scott´s letzten paar Ausflügen ins Alien-Universum ja halten was man will, aber „Alien“ ist einer der ganz wenigen Filme, die für mich nah dran sind, an der Perfektion. Nicht ohne Grund gibt es den Franchise seit über 30 Jahren und das titelgebende Alien ist eins der beliebtesten und bekanntesten Filmmonster.
Etliche Filmemacher haben sich über die Jahre an der „Alien“-Formel (Abgeschiedener Ort mit allerlei verschrobenen Charakteren, die mit einem Monster konfrontiert werden) versucht und erst kürzlich konnte man die neueste Variante des Themas im Kino bestaunen. Nein, damit ist nicht Scott´s eigenes Alien: Covenant gemeint, sondern „Life“ von Regisseur Daniel Espinosa.

Die Handlung:
Irgendwann in der nahen Zukunft forschen 6 Astronauten auf der ISS so vor sich hin und sollen eines Tages eine Sonde einfangen, die von ihrer Mission beim Mars zurückkehrt und nicht nur ein paar hochinteressante Proben marsianischen Drecks an Bord hat, sondern obendrein auch noch den möglichen Beweis für außerirdisches Leben.
Tatsächlich finden die Wissenschaftler ein komisches kleines, schläfriges Pantoffeltierchen und es gelingt ihnen, das putzige kleine Vieh aufzuwecken.

Die Aufregung ist groß, schließlich hat man gerade festgestellt, dass es Leben im All gibt. Die Leute auf der Erde finden das toll und ein Mädel aus einer selbstverständlich amerikanischen Schule gibt dem Einzeller den Namen Calvin.
Calvin wächst und teilt sich fleissig und recht flott wird aus dem putzigen kleinen Knubbel ein recht kräftiges Tierchen, das aussieht wie ein Mix aus Qualle und Pokémon, welches obendrein aus Zellen besteht, die gleichzeitig Hirn, Muskel und Wahrnehmungsorgan sind. Interessanter Gedanke.

Natürlich kommt es, wie es kommen muss, die Dinge geraten außer Kontrolle, Calvin entkommt aus der kontrollierten Umgebung, die Astronauten kämpfen um ihr Leben und es geht einiges zu Bruch.

„Life“ ist so vorhersehbar wie das Auftauchen vollkommen widersprüchlicher Aussagen beim aktuellen US-Präsidenten.

Der Film hält sich strikt an alle Weltraum-Monster-Formeln, die es so gibt und überrascht nur ganz selten mal.

Das Drehbuch ist vermutlich die größte Schwäche des Films, denn die Charaktere bleiben – bis auf wenige Ausnahmen – relativ blass und sie verhalten sich so unglaublich dämlich, dass ich mich immer wieder beim Augenrollen und Kopfschütteln erwischt habe.

Kleines Beispiel: Das Calvin-Monster krabbelt draussen an der Station entlang und versucht rein zu kommen. Ein Weg wäre über die Schubdüsen. Das denken sich auch die Astronauten und haben praktischerweise einen Sensor, mit dem sie sehen können, an welcher Düse sich Calvin gerade versucht. Daraufhin zünden sie wild diverse Düsen um Calvin zu verbrennen, was natürlich nicht klappt, und wundern sich im Anschluss, dass die ISS durch den ganze Düsenschub ja nun völlig vom Kurs abgekommen ist, und auf die Erde zu stürzen droht. Echt jetzt?!?

Und auch sonst schien mir vieles im Film nicht richtig durchdacht. Offenbar war es zum Beispiel wohl klar, dass mit der Mars-Sonde außerirdisches Leben auf die ISS kommen könnte. Daher hat die clevere Regierung sich sicherheitshalber diverse „Firewalls“ überlegt, die – sollte etwas schiefgehen – dafür sorgen sollen, dass das Dilemma eingedämmt bleibt. „Firewall“ heisst in diesem Fall aber nur „hermetisch abgeschlossener Kasten“, oder „Wenn was schiefgeht, machen wir die Tür vom Labor zu.“.
Wenn ich doch damit rechne, dass ich mir außerirdisches Leben an Bord hole und da irgendwas schiefgehen kann, dann sorge ich doch dafür, dass ich das Alien im Zweifel auch schnell und einfach loswerden kann. Den Raum mit Gas fluten und ausbrennen oder sowas… Oder die Tür aufmachen und alles im Labor ins All pusten.
Selbst die Astronauten sagen ziemlich früh im Film sowas wie: „Wir haben hier sowas wie Anthrax an Bord. Das darf auf keinen Fall auf die Erde gelangen.“
Darüber wie man den Scheiss wieder loswerden kann, hat sich aber im Vorfeld wohl niemand so richtig Gedanken gemacht. Schade.

Ich bin niemand, der sich bei Filmen wie Star Wars darüber beschwert, dass das alles ja voll unrealistisch ist und bei allem nach dem Sinn fragt, aber ich erwarte schon, dass das was in einem Film passiert irgendwie innerhalb des präsentierten Szenarios plausibel ist. Und das war hier an vielen Stellen leider nicht gegeben.

Und dann ist da noch der Twist am Ende, der im Grund nichts anderes ist als ein billiger Hütchenspieler-Trick. Fand ich vollkommen unnötig.

Die Charaktere:
Der Film ist tatsächlich ziemlich gut besetzt. Derzeit prominentester Astronaut ist vermutlich Ryan Reynolds, der wie eigentlich immer, den sympathischen Dampfplauderer gibt, was er gewohnt gut macht. Dann haben wir da Jake Gyllenhaal, der den dezent seltsamen, sehr stillen Kerl spielt und Rebecca Ferguson, die wohl sowas wie die gute Seele der Station darstellt.
Darüberhinaus ist mir Ariyon Bakare als Biologe aufgefallen, der ziemlich gut gespielt hat.

Insgesamt machen die Schauspieler alle einen guten Job und versuchen aus dem Skript herauszuholen, was eben so geht.

Der Look:
Der Film setzt auf einen Sci-Fi-Realismus, den man in ähnlicher Form schonmal bei „Der Marsianer“ oder auch in „Gravity“ gesehen hat. Die ISS sieht toll plausibel und realistisch aus und die Technik wirkt – vielleicht mit Ausnahme des Übersichtshologramms der Station – so, als würde es sich tatsächlich geben. Jeder in der Station bewegt sich natürlich schwerelos, was ebenfalls toll umgesetzt ist.

Das Calvin-Monster hat mir vom Design her nur so mittelmäßig gut gefallen, was auch eine wenig daran lag, dass die Regeln dessen, was Calvin nun kann und nicht kann, nicht so wirklich klar wurden.  Ja, es sah ganz nett außerirdisch aus, aber etwas klarere Formen hätte ich dann doch schön gefunden.

Fazit:
„Life“ ist schick gefilmte Science Fiction mit guten Schauspielern, die leider an einem uninspiriertem, mittelmäßigen Drehbuch krankt. Spannend ist das über weite Teile des Films durchaus, aber seinen Sinn für Realismus und Plausibilität sollte man besser abschalten.
Wenn mir mal wieder der Sinn nach Weltraum-Monstern steht, dann greife ich auch zukünftig zu Scott´s „Alien“, denn „Life“ hab ich sicherlich in einem halben Jahr wieder vergessen.

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About Uebelator

Filmfan, Videospieler, Nerd.

7 responses to “Filmkritik: Life”

  1. der-5-minuten-blog.de says :

    Das erinnert mich an einen B-movie, den ich vor Jahren mal sah: Apollo 18. Eine hypothetische 7. Mond-Mission Anfang der 70er Jahre.

    Fiese kleine Krabbel-Aliens mit anscheinend so was wie Furz-Antrieb machen der Crew das Leben zur Hölle. Am Ende kollidieren 2 Fähren miteinander und das war’s.

    Der Film war nichts besonderes, wer aber auf Moon-Hoax und ein paar wirklich unangenehme Momente steht, kommt trotzdem voll auf seine Kosten

    Gefällt 1 Person

  2. franziska-t says :

    Vielleicht liegt es daran, dass ich mich normalerweise nicht an Alien v Mensch-Filme heranwage und deshalb wenig Vergleichsmaterial im Hinterkopf habe, aber mir hat LIFE wirklich gut gefallen. Gerade das Ende war für mich wirklich ein Schocker.

    Gefällt mir

  3. Timberwere says :

    Ich fand „Life“ einfach so un-glaub-lich vorhersehbar. Inklusive Twist.

    Gefällt 1 Person

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