Kritik: Honig im Kopf

Es ist schon komisch manchmal.
Ein Film kommt raus, den man nur so am Rande auf dem Radar hat, weil einen das Thema nicht sonderlich interessiert. Dann hört man von allen Ecken und Enden, dass der Film soooo (mit 4 Os, aber auf keinen Fall mit 5!) toll sein soll und irgendwann wird man dann doch weich, schaut sich den Film an und fragt sich, ob man einen komplett anderes Werk gesehen hat, als das was einem empfohlen wurde.

So war´s auch bei Honig im Kopf dem aktuellsten Schweigerschen Leinwand-Erguss, der schon im Vorfeld durch etliche Medien und Frühstücksfernseh-Sendungen geisterte, weil er doch sooooo (diesmal mit 5 Os!) ein berührendes Thema hätte und der Herr Hallervorden doch ganz toll spielen würde.

Ja, es geht um Alzheimer. Ja, das ist ein berührendes Thema. Und ja, Dödel-Didi spielt tatsächlich ab und zu ganz gut.

Die Handlung:
Till ist – wie in fast jedem seiner Filme – ein total erfolgreicher Geschäftsmann, während seine Frau in einer Werbeagentur arbeitet, den Kollegen gepoppt hat und damit für ein gewisses Maß an Anspannung im familiären Raum sorgt. Gottseidank haben sie aber die unglaublich tolle, unglaublich reife, unglaublich verständnisvolle 11 jährige Tochter Tilda, gespielt vom Schweiger-Sproß Emma. Wie diese beiden Karriere-Menschen es geschafft haben, die Zeugung eines Kindes in ihren Terminplan reinzuquetschen erschliesst sich mir nicht so ganz, aber irgendwo muss die Kurze ja herkommen. Um aus Afrika importiert zu sein ist, ist sie zu blass… Vielleicht Rumänien oder so.

Wie dem auch sei… Till hat auf jeden Fall noch einen Vater, gespielt von Hallervorden, der nach dem Tod seiner Frau immer mehr in seiner Alzheimer-Demenz versinkt, sich an Dinge nicht mehr erinnert und vieles vertüdelt. Als der tattrige Greis eines Tages anfängt mit einer gestohlenen Polizeiwaffe in den heimischen vier Wänden herumzuballern und das für einen Riesenspaß hält, erbarmt man sich und nimmt ihn bei sich auf.

Was folgt ist eine Abfolge des immer gleichen Musters von „Tills Frau möchte irgendwas tun. Didi macht alles kaputt. Tills Frau rastet aus und macht einen auf Zicke. Tilda hat Verständnis für den armen Opa.“

Lustig ist das nicht. Eher nervig.

Das Ganze schauen wir uns dann gefühlte 20 Mal an, bis der Hirnschmalz von Opa endgültig so verkalkt ist, dass die Drehbuchautoren (Auch der Till) so langsam auf einen Showdown zusteuern müssen.

Der Opa hat nämlich in Venedig seine Frau kennengelernt und wollte Tilda immer mal mit dorthin nehmen. Also entschliesst diese sich dazu, den Opa unter den Arm zu klemmen und sich auf eigene Faust bis nach Venedig durchzuschlagen.

Nach einem routiniert abgespulten Roadmovie-Mittelteil kommt man dort an, Opa ist gänzlich weich in der Birne und darf dann tränendrüsig am Ende den Löffel abgeben, nachdem sich Till und seine Frau wieder lieb haben und Tilda immernoch toll ist.

Erstmal vorweg: Ich finde Till Schweiger nicht so schlimm, wie viele andere. Der Typ macht sein Ding und der Erfolg gibt ihm Recht. Und auch wenn das Genuschel manchmal nervt, sind seine Filme zumeist doch recht unterhaltsam und für deutsche Produktionen recht nett gemacht.

Aber… viele seiner Filme sind fürchterlich formelhaft und auch Honig im Kopf ist da keine Ausnahme.

Jemand hat eine dramatische, emotionsbehaftete Krankheit mit potenziell tödlichem Ausgang und will aber gern nochmal an einen bestimmten Ort. Also schnappt er sich einen Helfer und zusammen machen sie sich gegen jeden Widerstand auf den Weg, damit der Kranke dann am Ende am erreichten Ziel sterben kann…

Knocking on Heavens Door, Barfuss und jetzt Honig im Kopf folgen alle grob diesem Strickmuster und man hat zum einen das Gefühl, das alles schonmal gesehen zu haben und obendrein den schalen Beigeschmack, dass der Herr Schweiger sich das Thema Alzheimer nur ausgesucht hat, weils so schön emotional ist.

Meine Prognose für seinen nächsten Film:
Till Schweiger ist erfolgreicher Geschäftsmann und Besitzer einer Werbeagentur und alleinerziehender Vater der total tollen Teenager-Tochter Emma. (Denn wie wir ja alle wissen, sind ja die meisten alleinerziehenden Väter erfolgreiche Geschäftsmänner.) Diese engagiert sich in der Flüchtlingshilfe und schleppt eines Tages eine syrische Mutti mit ihrem klein Sohn mit nach Hause, weil sie sonst nirgendswo hin können.
Till ist erstmal gar nicht begeistert und wir bekommen eine Menge „lustiger“ Multikulti-Witze und Missverständnisse zu sehen, die zu der einen oder anderen Katastrophe führen.
Am Ende verliebt sich Till natürlich in die hübsche Mutti, aber Vater Staat klopft an die Tür und will sie ausweisen lassen. Man packt also kurzerhand die Sachen und läuft im Mittelteil des Films ein wenig vor der Polizei weg, bevor Till am Ende eine große Werbekampagne für seine Angebetete startet. Im letzten Moment bevor der Flieger gen Syrien abhebt, stürmen aufgebrachte Bürger den Flughafen und das Rollfeld und hindern die Maschine am starten. Man nimmt sich in die Arme, alles gut, Happy End. Kotz…

Was mich außerdem bei Honig im Kopf gestört hat, waren einige seltsame Reaktionen der Umwelt auf Tilda und ihren Opa. Als Tilda z.B. am Bahnhof in Bozen die Notbremse ziehen muss, werden die beiden direkt von gefühlten 10 Polizisten verfolgt und müssen sich fortan auf der Ladefläche von Ziegentransportern durchs Land bewegen, weil offenbar eine Großfahndung wegen „Nottbremseziehen“ eingeleitet wurde. Joa…

Und auch die Leute, denen die beiden so auf ihrem Weg begegnen scheinen schwer dement zu sein, denn normal verhält sich da keiner. Da ist eine 11jährige mit ihrem unzurechnungsfähigen Opa allein in der Weltgeschichte unterwegs und JEDER, dem sie begegnen sagt nur irgendwas wie „Mensch bist du aber ein tolles Mädchen. Komm ich nehm´ euch ein Stück mit.“

Hallo?!? Wie wäres mal mit ner Frage wie: „Sag mal, seid ihr bekloppt? Wo sind denn Deine Eltern?“

Die Charaktere:
Till spielt wie immer den Typen, der er gern wäre. Seine Frau schwankt heftig hin und her zwischen nerviger Zicke und Cartoon-Figur. Dieter Hallervorden ist als bekloppter Greis ja quasi er selbst, aber speziell in der ersten Hälfte des Films hatte ich das Gefühl, er wartet nach jeder Dialogzeile auf die Lacher. Natürlich hat er ein paar emotionale Momente, die auch mich nicht kalt lassen, aber natürlich kriegt man Pipi in den Augen, wenn da ein alter Mann weint, weil er nicht weiß, ob er sich morgen noch an den Namen seiner Enkelin erinnert und dazu dann die traurige Klaviermusik klimpert.

Eigentlich finde ichs nicht so nett, über eine Kinderschauspielerin her zu ziehen, aber ich fand Emma Schweiger unterirdisch. Jede Zeile Dialog wirkte wie aufgesagt. Und das grauenhafte Drehbuch half da auch nicht. Im gesamten Film spricht sie nicht wie ein Kind, sondern wie eine Erwachsene und benimmt sich entsprechend auch so.
Und offenbar hatte Papa Schweiger beim Schreiben des Drehbuchs das Gefühl, der Zuschauer könnte ebenfalls schon unter Hirnschwund leiden und die Handlung nicht mehr so richtig verstehen, denn gefühlte 50% der Dialogzeilen bestehen aus „Ich hab dich lieb, Opa.“ oder „Du bist toll, Tilda.“

Anstrengend.

Der Look:
Der Film ist gut und routiniert gefilmt und liefert ein paar schöne Bilder. Der Schnitt ist stellenweise aber relativ seltsam und selbst in ruhigen Szene irgendwie hektisch und fahrig.

Und die Musik kommt mit dem ständig unterlegten, bedeutungsschwangeren Klaviergeklimper deher, wie der Soundtrack zu „Amelie“ für Arme.

Fazit:
Hochgradig manipulative, durchgekaute, Schweiger-Standardkost. Ich selbst habe keine Erfahrung mit Menschen, die an Alzheimer leiden und es mag sein, dass das für alle Beteiligten tatsächlich so wahnsinnig anstrengend und nervig ist, wie im Film. Aber wenn ich vom Film am Ende so genervt bin, wie von einem Alzheimer-Patienten, dann ist da irgendwas falsch gelaufen. Und das trifft hier in vielen Bereichen zu. Der Film ist nicht witzig, obwohl ers gern wäre. Der Film ist nicht tiefgründig. Und der Film ist vor allem eins nicht: So gut wie sein Ruf.

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About Uebelator

Filmfan, Videospieler, Nerd.

6 responses to “Kritik: Honig im Kopf”

  1. christianneffe says :

    Dein Drehbuch-Entwurf für den nächsten Schweiger-Film klingt tatsächlich machbar. Ich würds an deiner Stelle noch ein bisschen ausarbeiten und dem Studio mal vorlegen 😉

    Gefällt 2 Personen

  2. Ma-Go says :

    Das ist jetzt eine ernst gemeinte Frage: Hat „Honig im Kopf2 einen guten Ruf? Ich habe bis jetzt überwiegend negative Stimmen gehört, die in etwa in deine Richtung gehen.

    Gefällt 1 Person

    • Uebelator says :

      Hmmm… also belegen kann ich den guten Ruf ehrlich gesagt nicht. Aber viele meiner Verwandten oder Freunde, die den Film gesehen haben, fanden den gut und ich hatte den Eindruck, dass der auch in den Medien durchaus wohlwollend aufgenommen wurde.

      Aber vielleicht liege ich da auch komplett falsch.

      Gefällt 1 Person

      • Ma-Go says :

        Nö, kann schon sein. In meinem Bekanntenkreis sind deutsche Filme im Allgemeinen (und Schweiger Filme im Speziellen) nicht allzu sehr beliebt. Von daher ist es durchaus möglich, dass ich da nur mit der Opposition im Austausch stand 😉

        Gefällt 1 Person

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