Kritik: Beginner – Advanced Chemistry

Back in Town.

Nach rund 13 Jahren gibt’s mit „Advanced Chemistry“ endlich mal wieder ein Album der Beginner und schon die erste Single-Auskopplung spaltete das HipHop-Land wie diese Mauer, die´s früher mal in Berlin gab.

„Klingt ja gar nicht mehr wie Bambule!“, schreien die Einen, „Fetter Shit!“, rufen die Anderen.

Ich, als alter Fan der Band, hab mir das gute Stück mal zu Gemüte geführt, um herauszufinden, ob ich Lover oder Hater bin.

Ahnma
Geht brummelig los mit schickem Beat und ausreichend epischem Gänsehautgedöns, um als erste Nummer nach 13 Jahren Abstinenz mal wieder einen Punkt zu machen.

Jan legt los und beweihräuchert sich hiphop-konform erstmal eine Runde selbst und reimt dabei direkt mal „Geschichte“ auf „Geschichte“. Naaaja.

Im Refrain fordert mich ein im Video seltsam nervös zuckender Herr namens Gzuz dazu auf, mal zu gucken, wie sie gucken und labern und dann Hamburg wieder auf die Karte packen. Kann man machen. Mein Fall ist das nicht so.

Und kaum ist er fertig, hüpft der Osnabrücker Reggae-Hampelmann Tillmann Otto alias Gentleman aus dem Karton und gibt nochmal eine dieser Melodien zum Besten, die so klingen, wie alles andere was er so macht.

Zweite Strophe. Denyo ist am Start und man hat den Eindruck, er müsse nach der Schaffenspause erstmal wieder richtig aufwachen und den Flow wiederfinden. Da ging schonmal mehr.

Trotz allem geht Ahnma ganz gut nach vorne los und macht Bock auf mehr vom Album.

Schlechteste Line: „Ich schreib Gedichte, schreib damit Geschichte. Jeder der mich disste, ist bereits Geschichte.“

 

Es war einmal
Putziger kleiner Beat, der ähnlich niedlich um die Ecke kommt wie einst Gustav Gans.

Textlich hauen Jan und Denyo da eine dezent selbstverliebte Bandgeschichte raus, bei der sie z.B. mal wieder ihre Aktion bei „The Dome“ abfeiern. Seis drum, der Song geht gut ins Ohr und grooved so vor sich hin, während man fleissig mit dem Kopf nickt. Sehr brauchbar und das Video ist auf jeden Fall ein Knaller.

Schlechteste Line: „Ja genau Digger, damals, als uns kein Schwanz kannte, ergriffen wir die Chance und Schanze, die ersten Demos klangen wie die ersten Demos und das flora-rote Viertel, es brannte.“

 

Meine Posse (feat. Samy Deluxe)
Jan kommt rein und sagt: „Boomshakalaka!“. Und los geht’s mit nem Ab-die-Post-Feier-Song, bei dem mal wieder gesagt werden muss, wie derbe man so ist und was für coole Klamotten man hat, bevor Eißfeldt im Refrain irgendwas mit „Rampampam“ und „Lampen an“ ins Mikro knödelt. Das ist ziemlich dämlich, aber der Beat geht gut los und der Flow passt bis auf wenige seltsame Passagen, in denen man „Digger“ auf „Digger“ reimt auch.

Samy darf auch mal ran, haut ein paar nette Reime raus und wischt flow-technisch mit Denyo und Eizi den Boden auf.

Schlechteste Line: „Nee Mann, und deshalb hoffst du eines Tages kommt ein dickes Label das dich aufbaut, Digger, denn Dein Stiefcousin 102. Grades, ist Accountmanager bei Soundcloud, Digger.“

 

Schelle
Seltsamer Song, der erst irgendwie Reggae-mäßig um die Ecke kommt und dann plötzlich nach Elektro klingt, um fleissig zwischen beidem hin und her zu hüpfen. Inhaltlich gibt’s quasi nix zu vermelden. „Wir sind derbe und die Besten und Du bist doof.“ gepaart mit „Wir sind gern betrunken.“
Kann ich irgendwie so gar nichts mit anfangen.

Schlechteste Line: „Yippie, yippie, yeah, ich habe einen im Tee und schmiere meine Popel an einen BMW.“

 

So schön (feat. Dendemann)
Soulige Nummer, die den Frauen und ihrem Lächeln gewidmet ist. Ich bin absolut kein Freund vom im HipHop üblichen Bitches-Gelaber, aber ich kann mir nicht helfen und finde den Song dezent schleimig. Immerhin ist Dendemann dabei, der wie fast immer absolut großartig ist und aus mittelmäßigem Gedudel mittelmäßiges Gedudel mit gutem Rap macht.

Beste Line: „Das ist für Prinzessinnen, die Erbsen zählen und alle meine Schwestern, die grad deswegen die derbsten sind.“

 

Rambo No. 5
Derber Beat und fette Bässe in einem Ab-die-Post-Feier-Song. Moment… hatten wir sowas nicht schon? Egal, das Ding geht gut ab. Inhaltlich gibt’s nicht viel mehr als „Mach Party!“ und „Wir betrinken uns gern!“. Bin ich der Einzige, dem es seltsam vorkommt, dass in gefühlt jedem zweiten Song irgendwo eine oder mehrere Zeilen vorkommen, in denen es ums Saufen geht? Ist Alkohol im HipHop jetzt das neue Weed?

Sei´s drum. Aufdrehen das Ding!

Schlechteste Line: „Ich dreh durch, geht der Bass los. Rambo No. 5, also was´ los?”

 

Kater
Sinnvoll platziert direkt nach “Rambo No.5“ kommt mit entspannten Tönen und kurzem Streichereinsatz der Song für den Morgen danach. „Kater“ beschreibt das Gefühl nach ner durchgemachten Nacht mit reichlich Alkohol ziemlich perfekt. Gutes Ding.

Beste Line: „Und ist das Vogelzwitschern oder Lungenpfeifen? Rhianna kann sich in den Pelz auf meiner Zunge kleiden.“

 

Rap & fette Bässe
Der Name ist hier Programm und man bekommt dicke Bässe und… auch Rap. Afrob und Ferris MC liefern hier ein kleines Sample und ich bin wirklich kein Grammatik-Nazi, aber bei „Hast Du Interesse an Rap und fette Bässe“ zucke ich dann doch ein wenig zusammen.

Insgesamt läuft der Track irgendwie ziemlich unrund und so ein kleines Gitarrensample, das vermutlich funky wirken soll, klingt auf die Dauer ein wenig wie eine dieser kleinen Hupen.

Für mich eine der schwächsten Nummern auf dem Album.

Beste Line: „Check, wie ich und mein Kompagnon, hier mal eben ganz nonchalant
Mit einer dicken, fetten Bombe kommen, und Schwachsinn erzählen, wie der Postillon.“

 

Spam
Da isser nun, der unvermeidliche „Facebook ist doof“-Song, der auf keinem Rap-Album der letzten 5 Jahre fehlen darf. Selbst Deichkind haben mit „Like mich am Arsch“ schon was dazu gesagt und die Beginner legen nach, kommen dabei aber sehr viel pathetischer um die Ecke und der Song klingt als wäre das Ende der Welt für morgen terminiert.

Aber auch wenn das Thema jetzt nicht gerade das neue große Ding ist, sind die Texte durchaus okay.

Beste Line: „Der Baron von Münchhausen fickte Robocop. Raus kam eine Welt aus Autotune und Photoshop.“

 

Thomas Anders (feat. MEGALOH)
Ziemlich minimaler Song und eine Ode darauf anders zu sein. Ganz guter Text, aber der genuschelte Gesang von Eizi nervt mich hier ein wenig. Der Part von MEGALOH fliesst aber gut. Trotzdem kein Lied, das mir wirklich gut gefällt oder ins Ohr geht.

Beste Line: „Lauter alte rostige Denkweisen. Ich bleibe außerhalb der Box wie Geschenkschleifen.“

 

Macha Macha (feat. Haftbefehl)
Oh Leute… tut mir leid… das ist mein erster Kontakt mit dem Herrn Haftbefehl und ich musste spontan lachen, denn was er da von sich gibt, klingt so als würde Olli Dittrich einen Gangsterrapper parodieren. Total albern. Auch der Rest des Songs ist wieder das gute alte HipHop Klischee der Selbstbeweihräucherung bei gleichzeitigem Dissen der Anderen.

Schlechteste Line: „Fahr den neuen SL63 gegen‘ Baum. Steig aus, bestell‘ ein Taxi und melde das Auto geklaut“

 

Nach Hause
Kurz vor Schluss gibt’s noch einen Track, um die Feuerzeuge raus zu holen. „Nach Hause“ ist eine weinerlich-öde Depression von einem Song. Hier und da wird mal gaaanz am Rande auf politische Themen angespielt, aber viel mehr als ein paar Wörter werden da nicht fallen gelassen. Für mich ein langweiliger Jammerlappen-Song.

Beste Line: „Ich brauch die Alster, brauch die Elbe, brauch die Seeleute. Denn ohne Wasser bin ich nichts wie ’n Teebeutel.“

 

Foxy Music
Am Ende des Albums gibt’s noch so ne Art Monster-Remix-Mixtape-Teilchen mit fast 45 Minuten Laufzeit. Theoretisch der beste Track des Albums, aber da man sich hier in erster Linie selbst zitiert, bleibt da doch ein dezent schaler Beigeschmack.

 

Fazit:
Der durchschnittliche Rotfuchs kann in Gefangenschaft bis zu 14 Jahre alt werden. Kurz vor Schluss kommen die  Füchse aus Eimsbush nochmal aus ihrem Bau, aber Altersschwäche kann man ihnen nicht vorwerfen, denn viele ihrer neuen Tracks gehen echt ganz gut nach vorne los und lassen Köpfe nicken und Hintern wackeln. Das neue Album klingt in weiten Teilen sehr gut, ist inhaltlich aber weitgehend ideenlos und beschränkt sich auf übliche HipHop-Plattitüden Marke „Wir sind die derbsten.“. Hier und da versucht man zwar ein wenig politisch zu wirken, indem man mal ein paar Stichworte in den Ring schmiesst und Monsanto z.B. zum Feind erklärt, aber das Ganze wirkt ziemlich platt und halbgar.

Auch ohne Gutmenschen-Getue gingen mir die ständigen „Alle Lampen an“- und „Außer Tresen nix gewesen.“-Sprüche, die sich quer durchs Album ziehen ein wenig auf den Keks.

Bei einem neuen Album nach 13 Jahren sind die Erwartungen natürlich groß und meist kaum zu erreichen, aber dennoch war ich von „Advanced Chemistry“ ein wenig enttäuscht, denn im Vergleich mit anderen Alben der Beginner wird’s wohl – auch ohne Nostalgiebrille – deutlich seltener im Player landen.

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About Uebelator

Filmfan, Videospieler, Nerd.

3 responses to “Kritik: Beginner – Advanced Chemistry”

  1. christianneffe says :

    Beim Erstkontakt mit dem guten Hafti ist es tatsächlich erst mal so, dass man ihn ziemlich lächerlich findet. Ging mir genau so. Natürlich muss man auch ne gewisse Affinität zu seinen Themen haben. Aber wenn sich mal warmgehört hat, merkt man irgendwann, was für eine Wohltat dieser Mann für deutschen Rap war/ist 😉

    Gefällt 1 Person

    • Uebelator says :

      Ja, ich muss zugeben, dass ich mit diesem ganzen Gangster-Kram irgendwie so gar nichts anfangen kann und auch nachdem ich hier und da mal in ein paar Songs von Haftbefehl reingehört habe, ist mein Eindruck von ihm noch immer der eines Klischee-Rap-Proleten, der einen auf ganz ganz dicke Hose macht.

      Gefällt 1 Person

      • christianneffe says :

        Absolut! Man muss natürlich eine gewisse Affinität für sowas haben (und die liegt bei mir definitiv vor ^^). Aber bei Hafti kommts eher drauf an, wie er diese Attitüde rüberbringt 😉

        Ich habe mich am Anfang auch nur über ihn beeiert, irgendwann aber zu schätzen gelernt, wie er mit Sprache(n) spielt, sodass man auch beim zehnten Hördurchgang noch neue Wortspielen und -kombinationen entdeckt.

        Gefällt 1 Person

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