Kritik: The Purge / Purge Anarchy

Zivilisation ist eine komische Sache. Als Menschen haben wir ja oft das Gefühl, uns irgendwie vom Rest aller Lebewesen abgegrenzt zu haben, denn wir sind ja schließlich intelligent und zivilisiert und wir haben so tolle Dinge erfunden wie klassische Musik, Lyrik und Mützen mit Bierdosenhalter.

Grundsätzlich klappt die Sache mit dem zivilisierten Zusammenleben auch ganz gut. Zumindest hier, in den wohlhabenderen Ländern der Welt.

Aber auch wenn das jetzt vielleicht hart klingt: Ich glaube, das klappt nur, weil wir staatlich kontrolliert werden und Angst vor einer Strafe haben, sollten wir mal aus der Reihe tanzen.

Wenn bekannt würde, dass sämtliche Polizisten Deutschlands ab morgen für eine Woche Urlaub in… sagen wir mal… der Türkei machen und sich kein Mensch drum kümmert, was in dieser Woche hier im Lande so passiert – ich denke unsere schöne Zivilisation wäre ganz schnell dahin und wir wären gefühlt direkt wieder in der Steinzeit. Das Recht des Stärkeren, der sich nimmt, was er will, weil er´s eben kann.

Und diesen Gedanken hat sich der Horrorfilm „The Purge“ und der Nachfolger „Purge Anarchy“ zunutze gemacht und daraus ein recht spannendes Szenario geschnitzt.

Die Handlung:
Irgendwann in der nahen Zukunft ist politisch noch mehr schief gelaufen in Amerika, Trump ist vermutlich Präsident geworden und hat eine seltsame Elite an die Macht gebracht, die sich selbst „Die neuen Gründerväter“ nennt. Und diese Elite hatte eine prima Idee:

Seit Jahren ist es ja in der Diskussion, ob man nicht bestimmte Drogen legalisieren sollte, um so der Beschaffungskriminalität entgegen zu wirken. Wenn das bei Drogen klappt, warum dann nicht auch bei allem anderen?

Um der steigenden Kriminalität entgegen zu wirken, schufen sie die „Purge Night“, eine Nacht im Jahr, in der jedes Gewaltverbrechen (ausser natürlich gegen die Elite selbst) legal ist. Hier ist „Mord“ nicht mehr „Mord“, sondern „Reinigung“. Man reinigt quasi die kollektive Seele des Landes, indem man einfach mal gepflegt alles rauslässt, was sich so anstaut.

Und obendrein hat das den, für die Elite, positiven Nebeneffekt, dass sich überwiegend die armen Leute selbst reduzieren und man am Ende nicht nur gereinigt ist, sondern auch noch weniger Armut im Land hat.

Beim ersten Teil handelt es sich noch um einen recht klassischen Home-Invasion-Thriller.
Eine reiche Familie, deren Vater Sicherheitssysteme an reiche Arschlöcher verkauft, bereitet sich auf die Purge Night vor. Generell scheint diese Nacht für alle irgendwie gar kein so großes Ding zu sein. Man lässt halt seine Rollläden runter, guckt nen guten Film und morgen früh werden dann die Leichen aus den Straßen gekehrt.

So macht es auch die Protagonisten-Familie, die – Klischee, Klischee – aus dem hart arbeitenden Ehemann, der liebenden Ehefrau, der zickigen Teeny-Tochter und dem seltsamen, technikbegabten Emo-Sohn besteht.

Doch als letzterer auf der Videoüberwachung sieht, wie draußen vor dem Haus ein offensichtlich eher aus der Unterschicht stammender Mann um Hilfe schreit, lässt er ihn ins Haus und das Chaos nimmt seinen Lauf, da in dieser Nacht eben niemand ganz sicher sein kann, ob nicht doch plötzlich der Nachbar Mordgelüste verspürt.

Man ist sich also nicht ganz grün und der Neuankömmling versteckt sich erstmal irgendwo im Haus. Als dann noch eine Bande reicher Arschloch-Kids mit Gruselmasken auftaucht, die sich zum Ziel gesetzt haben, eben jenen flüchtenden Mann umzubringen, koste es was es wolle, wird’s dann richtig unangenehm.

Denn natürlich kommen sie irgendwann ins Haus und ein brutales Katz-und-Maus-Spiel geht los.

Wo „The Purge“ noch im noblen Vorort und vornehmlich in der Villa der reichen Leute stattfindet, spielt „Purge Anarchy“ eher auf den Straßen einer amerikanischen Großstadt. Eine Gruppe zusammengewürfelter Leute landet aus unterschiedlichen Gründen in der Purge Night auf der Straße anstatt sich irgendwo nett zu verstecken und die Nacht abzuwarten.

Da ist das reiche Pärchen, deren Auto versagt hat bevor sie sich in Sicherheit bringen konnte, die Mutter mit ihrer Teeny-Tochter aus der ärmeren Gegend, die nur knapp aus ihrer Wohnung fliehen konnten, sowie der harte, schweigsame Held, der in dieser Nacht auszieht, um Rache zu üben. Zusammen schlägt man sich also von Station zu Station durch, weicht marodierenden Irren aus und versucht irgendwie die Nacht zu überleben. Im Gegensatz zum Vorgänger wurde der Horrorteil stark reduziert und durch Action ersetzt. Es wird viel geballert und viel gerannt und der Film fühlt sich irgendwie an wie eine Mischung aus dem „Punisher“ und „Running Man“. (Der Schauspieler des schweigsamen Helden würde tatsächlich auch einen super Punisher abgeben.) Außerdem wird hier noch mehr beleuchtet, was in dieser abgedrehten Nacht so alles passiert und wie abgefuckt die Welt so ist. Da gibt es reiche Leute, die arme Leute bezahlen, damit sie sich umbringen dürfen. Andere reiche Leute heuern Gangs an, die andere Leute entführen, damit sie sie dann in so einer Art privater Treibjagd zur Strecke bringen können.

Reiche Leute kommen in beiden Filmen also nicht wirklich gut weg. Man könnte das vermutlich Sozialkritik nennen, ist aber in meinen Augen schon recht plump gemacht und ein wenig aufgesetzt.

Ein Motiv beider Filme ist aber die Frage danach, wie weit man bereit ist zu gehen, um sich und die Menschen die man liebt zu beschützen. Ist einem die eigene Sicherheit das Leben eines Anderen wert?

Die Charaktere:
Im ersten Teil spielen Ethan Hawke und Lena Headey mit und machen einen guten Job. Auch der Bösewicht mit seinem enorm schleimigen Grinsen ist toll unangenehm. Und auch der innere Konflikt der Protagonisten (Soll ich jemanden töten, oder nicht?) kommt gut rüber.

Im zweiten Teil sind die Schauspieler weniger bekannt und nur den schweigsamen Helden hat man schonmal irgendwo gesehen. Alle machen einen ordentlichen Job, aber man fühlt nicht so sehr mit ihnen mit, wie bei der Familie in Teil 1. So richtig ans Herz wächst einem hier niemand und man hat ständig das Gefühl, das gleich bestimmt jemand dran glauben muss, einfach weil die Charaktere – mit Ausnahme des Helden – für die Handlung so irrelevant sind.

Der Look:
Im ersten Teil wird recht eindrucksvoll die Sicherheit des eigenen Zuhauses demontiert, was gut funktioniert. Anfangs ist alles hübsch ordentlich und später wird’s ein regelrechtes Schlachtfeld. Ordentlich gemacht.

Im zweiten Teil wird viel über nächtliche Straßen gerannt. Ich persönlich fands weniger stimmungsvoll und vor allem eine Sequenz in so einer Art Arena fand ich fürchterlich künstlich.

Fazit:
Die beiden „Purge“-Filme kann man gucken. Muss man aber nicht. Die Prämisse ist interessant, dient aber zu nicht viel mehr als einer Entschuldigung dafür ordentlich Chaos zu veranstalten. Das ist ansich auch ganz unterhaltsam, aber wer hier auch nur den Hauch von Tiefgang oder Doppelbödigkeit erwartet, wird enttäuscht werden.

Teil 1 kann ich guten Gewissens als Home-Invasion-Thriller empfehlen, Teil 2 fällt da in meinen Augen deutlich Schwächer aus. Sowohl bei Charaktere, Handlung, Atmosphäre und Spannung.

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