Kritik: Still

Es war einmal ein kleiner Junge namens Uebelator, der ging vor langer, langer Zeit mit ein paar Freunden in die Vorführung einer Bewegtbild-Geschichte mit Ton und musikalischer Untermalung. Ohne wirklich zu wissen, was da auf ihn zukommt, wurde er Zeuge der Gruselgeschichte eines legendären Gruselgeschichten-Erzählers und gruselte sich dabei so sehr, dass er auch auf dem Nachhauseweg das eine oder andere Mal nervös über die eigene Schulter blickte.

Doch es fanden sich etliche Nachahmer und die Zeit war nicht so gnädig mit der Gruselgeschichte und so verflog die gruselige Wirkung mehr und mehr und was übrig blieb war eine Geschichte, bei der man sich erschreckt. Oft.
Der Film, den ich damals sah hieß „Scream“ und ja, vielleicht war ich früher eine Memme, aber ich habe mich wirklich irrsinnig vor Wes Cravens Film und dieser fiesen Geistermaske gegruselt. Aber hey… wir hatten damals ja nix. Horror war als Genre nur selten im Kino präsent und erst mit dem Erfolg von Scream wurde eine Welle an Teenie-Slasher-Filmen losgetreten, die willige Kinozuschauer ein ums andere Mal in den Sitzen zusammenzucken ließ.

Meist mit dem billigen Effekt, der im angelsächsischen „Jump Scare“ genannt wird:
Ein wehrloser Teenie schleicht sich z.B. auf eine finstere Ecke zu, alle Geräusche aus der Umgebung verstummen, die Musik reduziert sich auf das nervöse Wimmern der Streicher, man kommt immer näher, sieht eventuell schon einen bedrohlichen Schatten und BAM!!! Mit viel lauter Musik und einem schrillen Soundeffekt ploppt entweder der Mörder um die Ecke, oder aber eine streunende Katze.

Klar, das klappt und ich erschrecke mich bei solchen Momenten auch. Aber wirklich spannend oder gruselig ist das eben nicht. Schade, dass sich trotzdem irrsinnig viele Horrorfilme trotzdem allein auf dieses Element verlassen und vom Publikum danach bewertet werden, wie oft man im Sitz zusammenzuckte. Wenns nur darum geht… So elektrische Bauchtrainer haben einen ganz ähnlichen Effekt und man kann dabei sogar was sinnvolles machen, wie z.B. bügeln.

Wie dem auch sei… in den 90ern fand ich Scream fürchterlich gruselig. Heute sehe ich das anders. Filme wie „It Follows“ sind da in meinen Augen weit gruseliger und stimmungsvoller, als alles, was die Cravens und Williamsons so produziert haben.

Als ich neulich mal wieder in Horrorlaune war und bei Netflix vorbeischaute, fiel mir ein neuer Film auf, von dem ich noch nie etwas gehört hatte (was ja gerade in Bezug auf Horrorfilme oft kein gutes Zeichen ist), aber ich wusste, dass der YouTuber Chris Stuckman, dessen Reviews ich sehr schätze, eine Rezension davon veröffentlich hat.

Also gab ich dem Film eine Chance und sah mir „Still“ mal an.

Die Handlung:
Die Geschichte ist schnell erzählt und grundsätzlich wenig originell. Eine Schriftstellerin lebt allein in einem riesigen Haus irgendwo im nirgendwo. Es gibt zwar Nachbarn, aber die sind weit genug weg, so dass sich niemand gestört fühlt, wenn man beim WM-Finale mal so richtig ausrastet.

Irgendwann kommt ein Psychopath mit Maske vorbei und will sie aus unbekannten Gründen umbringen. Also kämpft sie um ihr Überleben. Ende der Geschichte. Gähn…

Aber Moment! Bei „Still“ gibt es einen kleinen Twist. Die Protagonistin ist nämlich taubstumm und hört dementsprechend nichts, woraus der Filme etliche wirklich spannende Momente zimmert.

Auch wenn man das von der Prämisse her nicht vermuten würde, „Still“ ist vom Skript her extrem gut gemacht. Die Heldin handelt clever und versucht verschiedene Dinge, um zu entkommen. Es gab etliche Situationen, in denen ich gedacht habe: „Wenn ich Du wäre, würde ich jetzt das und das machen…“, und dann tat die Protagonistin genau das. Vorbei sind die Zeiten, in denen die wehrlosen Slasher-Bunnies immer in den ersten Stock rennen, wenn der Mörder hinter ihnen her ist. Hier wird zurück geschlagen und das nicht zu knapp.

„Still“ spielt extrem geschickt mit den Erwartungen, die man als Zuschauer an einen solchen Film und das Genre als Ganzes hat und macht viele Dinge anders als man es vermuten würde.

Und: Es gibt nicht einen einzigen Jump Scare. Nicht einen. Und trotzdem ist der Film sauspannend.

Die Charaktere:
Wie ich schon sagte ist die Protagonistin taubstumm und hat daher abseits von dem einen oder anderen Schrei und ein paar Grunzlauten nicht viel zu sagen. Umso größer ist die Herausforderung, die Emotionen allein mit ihrer Gestik und Mimik zu transportieren und das macht sie ganz hervorragend.

Der Bösewicht ist toll psychopathisch und spielt mit ihr, anstatt sie einfach stumpf töten zu wollen. Man hasst ich regelrecht und bei jedem kleinen Erfolg, den die Heldin feiert, feiert man mit und feuert sie an. So muss das bei einem guten Film sein!

 

Der Look:
Gut gefilmt, teilweise ganz nette Lichtstimmungen und ein paar Blut- und Slasher-Spezialeffekte, die teilweise ziemlich brutal sind.

 

Fazit:
„Still“ hat mich wirklich überrascht. Und das in mehrerer Hinsicht. Ich habe eigentlich keinen besonders guten Film erwartet und einen sehr gut gemachten Horror-Thriller bekommen. Und auch die Handlung des Films hat mich immer wieder kalt erwischt und ich bin ein ums andere Mal auf meine eigenen Erwartungen hereingefallen.

Wer einen gnadenlosen, schnörkellosen Gruselfilm sehen will, der ohne billige Schreckmomente daher kommt und stattdessen auf Spannung und eine konstante bedrohliche Stimmung setzt, dem kann ich „Still“ nur wärmstens empfehlen und bekommt daher das Prädikat „Uebelst Geil“.

siegel_gut

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About Uebelator

Filmfan, Videospieler, Nerd.

One response to “Kritik: Still”

  1. Ma-Go Filmtipps says :

    Klingt interessant. Muss ich mir mal vormerken. Zum Thema „Jump Scares“ könnte dich vielleicht auch das hier interessieren: https://magofilmtipps.wordpress.com/2015/09/20/0horrorfilme-ein-genre-fuer-die-geistig-schwachen/
    🙂

    Gefällt 1 Person

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