Oder: Heute ist nicht optimal

Ich bin kein großer Freund dieser ewig gestrigen Jammergestalten, die sich gern mal hinstellen und darüber lamentieren, dass doch heute alles ganz furchtbar wäre und dass man doch damals, als der Führer noch… und so weiter…

Man kennt die Kommentare der „Ich bin ja kein Nazi, aber“-Leute, in letzter Zeit ja zu Genüge und ich will hier auch gar nicht politisch werden, sondern einfach mal zurück blicken und schauen, welche Dinge früher (und damit beziehe ich mich vor allem auf meine eigene Lebensspanne, die 1978 begann) gar nicht mal so übel waren.

Mit Schrecken stelle ich dabei fest, dass die Auszubildende in meiner Arbeitsstelle, die mit ihren 20 Jahren durchaus schon als mündiger Bürger durchgeht, die meisten dieser Dinge gar nicht mehr kennen wird. Und damit bin ich auch schon bei Punkt 1 auf meiner Liste:

Früher waren wir mal jünger.
Zugegeben… Pubertät muss kein zweites Mal sein. Aber sowohl Kindheit als auch Studienzeit hatten durchaus wirklich positive Seiten und ich für meinen Teil hatte nie so viel Zeit wie damals, als ich noch zuhause bei Mama gewohnt hab. Und auch danach wars gar nicht übel. Man war, jung, topfit *hust*, hatte kein einziges graues Haar, die Knochen haben nicht bei jeder Bewegung geknackt und man kam sich ganz allgemein vor wie der König der Welt.

Disney hat mal Zeichentrickfilme gemacht
Was hab ich gefeiert, als der erste Toy Story-Film ins Kino kam. Unglaublich, dass all diese tollen Bilder aus dem Computer kommen sollten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Pixars Vorstoß im Bereich der Computeranimation dafür sorgen würde, dass ein paar Jahre später alle Filme so produiziert werden und sie die klassischen, gezeichneten, zweidimensionalen Zeichentrickfilme verdrängen. Mir ist durchaus klar, dass die Produktion eines computeranimierten Films vermutlich wesentlich effektiver und kostengünstiger ist, aber trotzdem vermisse ich den Look der Disney-Klassiker. Und im Fernsehen sowieso… He-Man sieht doch im Vergleich zu so mancher computeranimierter Kinderserie (z.B. The Clone Wars) um Längen besser aus.

Im Kino gabs mal Eisverkäufer
Ja,wenn man keins wollte, hats genervt, aber dieser Typ, der kurz vor dem Film reinkam und brüllte: „Jemand noch ein Eis!?!“ gehörte irgendwie dazu. Und dieses Eiskonfekt war wirklich lecker und ich frage mich gerade, obs das eigentlich nur im Kino gab oder warum ich diese leckeren kleinen Eishappen nie selber zuhause hatte.

Bei MTV gings mal um Musik
Es klingt unglaublich, aber bevor der Jamba-Frosch kam, konnte man auf MTV tatsächlich nicht nur Musikvideos sehen, sondern auch Sendungen die sich mit Musik beschäftigt haben. Es gab mal eine Zeit, da hat Will Smith noch „Yo MTV Raps“ moderiert und Ray Cokes bei „MTV´s Most Wanted“ die Videos angesagt.
Und irgendwann wurde das ganze dann immer abstruser. Da fingen dann plötzlich Rapper an, irgendwelche Rostlauben aufzupimpen, was zugegebenermaßen noch ganz unterhaltsam war, aber als dann ein anderer Rapper (namentlich Flavor Flav, der mal mit Public Enemy unterwegs war) seine eigene Version vom Bachelor bekam, bei der massig Bitches in seine Crib gekarrt wurden, die er dann alle mal ausprobieren durfte, bevor er sich für eine entscheidet, wars mir dann schon etwas zu albern. Aber MTV setzte noch einen drauf: „Room Invaders“ war eine Dating-Show, bei denen sich ein Mädel anhand ihrer unaufgeräumten Zimmers für einen Typen entscheiden musste. Und zu „Date my Hot Mom“ muss ich wohl nichts sagen.
Schade eigentlich, denn Musik-Fernsehen würde ich auch heute noch immer mal anschalten.

Man hatte kein Handy
Ich bin auch einer von diesen Leuten, die in Bus und Bahn wie hypnotisiert auf ihr Handydisplay starren anstatt ihre Umwelt mal wahrzunehmen. Und ja, es ist ja auch toll, dass man heutzutage immer und überall (zumindest fast) ins Internet kann.
Aber wars nicht irgendwie auch ganz schön, dass man einfach mal nicht erreichbar war, wenn man nicht zuhause war? Und im Urlaub schonmal gar nicht?
Und wars nicht auch ganz schön, dass man nicht rund um die Uhr über alles mögliche und seine Mutter informiert war und es keine WhatsApp-Gruppen gab, die das Handy im Sekundentakt klingeln lassen, nur weil wieder irgendwelche bekloppten Bildchen hin und her geschickt werden?

Spezialeffekte kamen nicht (nur) aus dem Computer
Man kann viele tolle Sachen mit dem Computer machen und wer sich mal die Effekt-Reels zur Game of Thrones-Serie anschaut wird verblüfft sein, wieviel von den tollen Bildern da aus dem Computer kommt. Leider wird diese moderne Technik nicht überall so subtil verwandt wie dort und so bekommen wir Jahr um Jahr neue, immer größere, immer spektakulärere Dinge zu sehen, die oft aber auch einfach komplett künstlich aussehen und kein „Gewicht“ haben und dadurch eben ihre Wirkung komplett verlieren. (Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel.)
Wieviel cooler sah denn bitte der „echte“ Puppen-Jabba im Vergleich zur CG-Version aus?
jabba_iistarwars

Spannenderweise besinnt man sich in Hollywood ja gerade scheinbar etwas zurück und versucht wieder mehr handgemachte Spezialeffekte zu benutzen, was ich sehr begrüße.

Es gab kein Netflix, Maxdome und Co.
Ich liebe Videostreaming-Anbieter und finde es toll, dass ich heutzutage Zugriff habe auf eine riesige Bibliothek von Filmen und Serien, die ich gucken kann wann immer ich will. Aber ich merke auch, dass sich mein Fernsehverhalten dadurch deutlich ändert. Klar macht es Spaß, sich eine Staffel der Lieblingsserie an einem Wochenende reinzuziehen, aber wars nicht auch ganz schön, als man sich noch wie Bolle auf den Samstag-Nachmittag gefreut hat, weils da auf dem ZDF eine neue Folge von Star Trek Next Generation gab?
Und so lästig es war, in die Videothek fahren zu müssen, so hat man sich doch seine Filme irgendwie bewusster ausgesucht und einen Moment länger überlegt, was man denn eigentlich gucken möchte. Klar war da auch mal Grütze dabei aber die hat man dann eben auch zuende geguckt. Heute erwische ich mich oft dabei, dass ich beim Überangebot an Material überall mal so ein bissl reingucke, aber nichts so richtig schaue. Gucke ich nun „Daredevil“ weiter, oder fange ich lieber „House of Cards“ an? Und eigentlich wollte ich doch auch „Homeland“ nochmal richtig schauen. Und „Dexter“ soll ja auch so gut sein… Am Ende guck ich dann meist gar nichts, sondern zocke irgendwas, weil ich mich nicht entscheiden kann.

Man machte LAN-Parties
Gott, was für ein Aufwand… Man baute seinen Computer ab, packte alles in große Tüten, verstaute den Kram im Auto und karrte es zu einem Kumpel, dessen Eltern über Wochenende woanders waren. Ruckzuck war das komplette Haus mit Leuten und Rechnern gefüllt, überall lagen Kabel und Chipstüten herum und die erste Hälfte des Abends wurde meist damit verbracht das Netzwerk zu konfigurieren bevor es dann endlich mit dem Zocken losgehen konnte.
Heutzutage macht man das übers Internet, spricht mit den Freunden über Teamspeak oder andere Kanäle und hat den Aufwand nicht mehr. Aber das ist einfach nicht das gleiche. Denn man zockt zwar zusammen, aber was fehlt ist die Party. Und genau dieses Gefühl hatten wir damals. Man hat sich getroffen und was zusammen gemacht. Man hörte den besiegten Gegner im Nebenraum fluchen und konnte sich dann bei der bestellten Pizza über ihn lustig machen. Man zockte nächtelang, war hinterher vollkommen übermüdet und roch wie ein Puma, aber tolls wars schon.

Computerspiele verlangten von einem Vorstellungskraft
Ich bin Grafiker und als solcher freue ich mich natürlich über die immer besser werdende Optik in Computerspielen. Aber da wo moderne Spiele uns heute die Welten so zeigen, als würden wir einen Film sehen, sah es früher aufgrund der technischen Machbarkeit noch ganz anders aus. Linien und Punkte und kleine, hutzelige Sprite-Männchen formten da die Spielewelt und man wusste zwar was gemeint war, musste sich den Rest aber dazu denken. Die Schlachten, die ich damals in Ultima oder Dungeon Master geschlagen habe, fühlen ich heute um einiges epischer an, als das was moderne Rollenspiele präsentieren, egal wie gut sie heute inszeniert sind. Weil es meine Schlachten waren, die zum großen Teil in meinem Kopf passiert sind.

Man staunte noch über alles, weil es neu war
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mit offenem Mund im Kino saß und das erste Mal sah, wie die Dinos im Jurassic Park über die Leinwand liefen und dabei so lebensecht aussahen, als wären sie wirklich da. Genauso staunte ich über die rasend schnelle 3D-Darstellung der Rennstrecke beim Supernintendo-Spiel F-Zero, welches ich das erste mal in einem Kaufhaus sah.
Es mag sein, dass es nur an meinem Alter liegt, dass ich einfach schon so viel gesehen habe, dass es nicht mehr viele Medien schaffen, mich in derartiges Staunen zu versetzen. Aber ich glaube auch, dass es an der Überpräsenz der Medien liegt und dass Kinder und junge Menschen heute viel schneller diesen Sättigungsgrad erreicht haben, als ich damals.
Ich schätze, wenn ich mener Tochter in ein paar Jahren mal Jurassic Park zeige, wird sie den Film vermutlich ganz gut finden, aber diesen Kinnladen-zu-Fall-bringenden Effekt, wird sie aller Wahrscheinlichkeit nicht haben, weil die gute Grafik und die hochglanzpolierte CGI-Optik heutzuztage wohl einfach als gegeben hingenommen wird und sich niemand mehr darüber wundert, wenn die verrücktesten Wesen auf der Leinwand durch großartige Fantasie-Landschaften stapfen.
Ich bin gespannt zu sehen, was die Zukunft so bereit hält und wie es gelingen wird, dass die Generation meiner Tochter genauso geflashed aus dem Kino kommt, wie ich damals.

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Filmfan, Videospieler, Nerd.

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