Kurzgeschichten

Ab und zu packt es mich und ich schreibe außer Filmkritiken ausnahmsweise mal andere Sachen. Ab und zu sind es Kurzgeschichten, ab und zu nur kleine Ideen-Schnipsel.

Ob irgendwas davon wirklich lesenswert ist, wage ich nicht zu beurteilen, aber dafür gibts ja euch. 🙂

Über Rückmeldungen, Kritik, Ideen und Anregungen würde ich mich wie immer freuen.

Und nun gehts los:

Die Wahrheit schmerzt

Phil sah Sie an. Da war sie wieder. Eiskalt und wunderschön. Perfekt in seinen Augen. Eine wahre Königin.
Er liebte sie seit dem Augenblick an dem er ihr das erste Mal begegnet war, damals auf diesem überfüllten Markt, auf dem sie alle möglichen und unmöglichen Dinge und Kuriositäten verkauften. Es war ein grauenhafter Ort, voller seltsamer Wesen und die Luft roch nach altem Schweiß, fremdartigen Gewürzen, Staub und Pisse. Phil wusste nicht mehr so genau, wie er überhaupt dort gelandet war, aber als er sie sah, wurde ihm sofort klar, dass sie füreinander bestimmt waren.

Ja, er hatte ein aufregendes Leben gehabt, hatte Königen und Herrschern in den entferntesten Ländern als Berater und Freund gedient, war um die halbe Welt gereist und hatte Dinge gesehen, die andere sich nur in ihren wildesten Träumen ausmalen konnten. Nur zu gern erinnerte er sich an seine Zeit im Dienste des Kalifen eines fernen Reiches zurück, als er zusammen mit seinem Herren die Strategien für dessen Feldzüge entwarf und so für manch gewonnene Schlacht sorgte. Und doch sterben auch Kalifen eines Tages und das Schicksal führte Phil an diesen schmutzigen, überfüllten Ort, dorthin wo er seine große Liebe treffen würde.

Er war ganz allein, ohne einen Sinn im Leben, doch sie nahm sich seiner an, stellte ihn in ihre Dienste und schenkte ihm ein neues Zuhause in ihrem Schloss. Dankbar schwor er ihr die Treue und leistete einen Eid, ihr als Berater zur Seite zu stehen und ihr stets die Wahrheit zu sagen, so sehr sie auch schmerzen mochte.

Phil hatte nie viel gebraucht und auch wenn er aus früheren Zeiten eine gewisse Art von Luxus gewohnt war, brauchte er diese Annehmlichkeiten nicht, solange er nur ein Dach über dem Kopf und ein Feuer im Ofen hatte. Warm und trocken, das war mehr als genug für ihn, aber sie gab ihm eine Kammer, die einem König zur Ehre gereicht hätte und dafür war er ihr jeden Tag aufs Neue dankbar.

Sie war eine Königin und viel beschäftigt damit ihr Reich zu regieren und wichtige Entscheidungen zu treffen und so sahen sie sich nicht oft, viel zu selten, wenn es nach Phils Empfinden gegangen wäre, aber jedes Mal, wenn sie den Raum betrat, war er aufs Neue verzückt von Ihrer unglaublichen Schönheit und er spürte ein Verlangen nach ihrer Nähe, wie er es noch nie zuvor gespürt hatte.

Phil hatte sich oft dafür verflucht so schüchtern zu sein und er kriegte kaum den Mund auf, wenn man ihn nicht direkt ansprach, aber seiner Königin machte er nur die schönsten Komplimente und es fühlte sich ganz natürlich an, so wie es immer hätte sein sollen. Ihre bloße Anwesenheit machte ihn so unwahrscheinlich glücklich und er hätte alles getan, um öfter bei Ihr sein zu können.

Als ihr Mann, der König starb, tanzte Phils Herz vor Freude, auch wenn ihm bewusst war, dass dieses Gefühl einem Hochverrat gleichkam. Aber es bedeutete auch, dass er nun mit seiner Liebe, seiner Königin zusammen sein konnte. Hinter vorgehaltener Hand munkelte man, sie habe den König heimtückisch vergiftet, um an seiner statt über das Land herrschen zu können, aber selbst diese perfiden Gerüchte taten seiner Liebe zu Ihr keinen Abbruch. Er war ihr treu ergebener Diener, so wie er es geschworen hatte und er würde sie begehren und ihr folgen, bis zu dem Tag seines Todes.

Lange Zeit war Phil sich nicht sicher, ob sie seine Gefühle erwiderte. Sie war eine starke Frau und sie hatte Ihre Gefühle zu jeder Zeit unter Kontrolle, was es schwer machte für ihn und jeden der mit ihr zu tun hatte, sie richtig einzuschätzen, doch in der Tiefe seiner Seele wusste er, spürte er, dass sie ihn so sehr brauchte, wie er sie.

Nach dem Tod des Königs grämte irgendetwas die Königin und sehr zu Phils Gefallen verbrachte sie mehr und mehr Zeit in seiner Kammer, denn hier schien sie offenbar genug Ruhe zu finden, um Ihre Sorgen und Nöte nachzudenken. Sie weinte oft und war geplagt von Selbstzweifeln und er tat sein Bestes, sie zu trösten und für sie da zu sein, jetzt wo sie ihn am nötigsten brauchte.
Immer öfter verbrachte sie ihre Nächte bei ihm und am Hofe kursierte so manches Gerücht darüber, was sie dort wohl so trieben, aber kaum einer wagte es, diese Gerüchte offen zu äußern oder die Königin gar darauf anzusprechen.
Viel gab es da auch nicht zu erzählen. Die meiste Zeit redeten sie einfach und Phil war viel zu anständig, als dass er versucht hätte sie zu verführen, auch wenn er sich so mancher schmutziger Phantasie nicht erwehren konnte.
Er versuchte sie aufzubauen und ihr immer wieder zu erklären, wie klug und weise und schön sie war, und er meinte jedes Wort so wie er es sagte.

Aber eines Tages kam es so, wie es kommen musste. Hatte er ihr einst geschworen, ihr immer die Wahrheit zu sagen, egal wie schmerzvoll sie sein mochte, verfluchte er sich nun für diesen Schwur und wünschte sich, ihr nur einmal einen Wunsch verwehrt zu haben. Am Ende eines langen, anstrengenden Tages, trat seine König vor ihn, sah ihn durchdringend an und fragte ihn:
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“


 

Von Angesicht zu Angesicht

Alexander schlug die Augen auf als ihm das Sonnenlicht durch die halb geöffneten Jalousien ins Gesicht schien und ein Weiterschlafen unmöglich machte. Einen Blick auf die rot leuchtenden Digitalziffern des kleinen Weckers auf dem Nachtschrank später, drehte er sich im Bett herum und tastete nach seiner Frau, die – wie so oft – bereits aufgestanden war.

Der Geruch von Rührei stieg ihm in die Nase und er hörte die Kaffeemaschine in der Küche blubbern. Nadine war gestern, wie fast an jedem Abend, früher als er ins Bett gegangen und daher bereits wach, um für das Frühstück zu sorgen. Sie machte das gern und liebte es ihn zu verwöhnen, aber irgendwie schaffte sie es damit auch immer, dass er sich ein klein wenig schlecht fühlte, weil er lange ausschlief und sie einfach machen liess. Natürlich war das Quatsch, sagte er sich, und dieses Gefühl sei totaler Blödsinn, aber trotzdem wurde er es nicht so richtig los.

Langsam raffte er sich auf und als er über den Flur ging, bemerkte ihn seine Frau und strahlte ihn an.
“Oh, da ist ja jemand erwacht!”, flötete sie und begann damit die Frühstücksteller auf dem Tisch zu verteilen. “Guten Morgen!”
“Mmmhmm, guten Morgen.”, brummte Alexander und lächelte müde zurück, bevor er die Badezimmertür hinter sich schloss.

Genaus das war es, was er meinte. Es war keine Spur von Vorwurf in Nadines Stimme gewesen und trotzdem… Irgendetwas störte ihn an ihrem Tonfall.

Er wusch sich das Gesicht und das kühle Wasser tat gut und half ihm richtig wach zu werden. Nachdem er sich schnell rasiert hatte, runzelte er die Stirn als er die kleine, leicht gerötete Stelle an seiner rechten Wange sah. Im ersten Moment dachte er, es wäre ein Pickel oder etwas ähnliches, aber es sah mehr aus wie eine Art Flechte, denn die Haut schuppte sich ganz leicht. „Vermutlich ist das gar nichts und morgen schon wieder weg.“, dachte er sich und zuckte die Schultern.

“Denkst Du bitte daran, heute noch die Karte für Gerald zur Post zu bringen?”, fragte Nadine als sie zusammen beim Frühstück saßen. Alexander blickte kurz von seiner Zeitung auf und nickte.
“Ja, mach ich gleich nach dem Mittag.”
“Aber vergiss es bitte nicht. Er ist immerhin Dein Onkel.”, beharrte seine Frau.

Er rollte still mit den Augen und brummte eine halbherzige Bestätigung. Natürlich war Gerald sein Onkel, aber das Verhältnis zwischen den beiden war bei weitem nicht mehr so gut, wie es einst war. Mittlerweile schickte er lediglich zu den Geburts- und Feiertagen ein Alibi-Kärtchen hin und auch das nur, weil Nadine ihn immer wieder daran erinnerte. Sie selbst schickte natürlich ständig alle möglichen Karten an alle möglichen Verwandten und Freunde quer durch die Republik.
Es gab Dinge, die waren ihm wichtig, aber leider musste er zugeben, dass Gerald nicht dazu gehörte.

Kurz bevor sie vom Frühstückstisch aufstanden, seufzte Nadine und sah zu Boden.
“Na super, ich hab gestern Abend erst gesaugt und nun ist schon wieder alles voller Krümel. Ich komm gegen den Dreck einfach nicht an.” Alexander war es vollkommen egal, ob auf dem Boden ein paar Krümel lagen oder nicht. Er nahm das, was seine Frau schon als Dreck bezeichnete einfach gar nicht wahr.

Von irgendwoher kam ein metallischen Klacken, so als wenn man einen schweren eisernen Riegel zur Seite schiebt, gefolgt vom langgezogenen Quietschen einer schweren Tür. Alexander drehte sich herum und sah sich in der Wohnung um, bevor sein Blick hinüber zu Nadine wanderte, die bereits den kleinen Handstaubsauger in der Hand hielt und sich unter den Tisch beugte, um die Krümel zu beseitigen. Sie war so auf ihre Aufgabe konzentriert, dass sie nicht einmal aufsah.

“Was war das denn?”, wunderte sich Alexander leise murmelnd.
Nadine, die die Bewegung seiner Lippen aus dem Augenwinkel wahrgenommen hatte, sagte laut, um den Staubsauger zu übertönen: “Hast Du was gesagt?”, aber Alexander winkte nur ab und sie wandte sich wieder den Krümeln zu.

Er ging ins Bad, um sich seines Morgenmatels zu entledigen und sich anzuziehen. Eine Hose, ein Hemd, Socken sowie eine Unterhose lagen sauber gefaltet auf dem kleinen Regal, wo Nadine sie für Ihn hingelegt hatte. Nachdem er mit den Augen gerollt und einmal geseufzt hatte, zog er sich die Hose an und das Hemd über den Kopf und gerade als er den Kopf durch den Kragen steckte, fiel sein Blick auf sein eigenes Spiegelbild.

Irgendetwas stimmte damit nicht. Die Stelle an seiner Wange war größer geworden und hatte neben einem entzündeten Rot eine eitrige Gelbfärbung angenommen und blasse Hautschuppen schienen sich von seinem Gesicht zu schälen.
Langsam trat er näher an den Spiegel und betrachtete die Stelle, um leicht mit dem Finger darüber zu kratzen. Weitere Hautschuppen lösten sich und die Haut um die Stelle fühlte sich seltsam pergamentartig an, tat aber überhaupt nicht weh.
Ein Hautarzt würde sich das nach dem Wochenende mal ansehen müssen, dachte Alexander und nahm ein Pflaster aus dem Spiegelschrank, um es darüber zu kleben.

“Hast Du Dich beim Rasieren geschnitten?”, fragte Nadine als sie etwas später aus dem Bad kam und wie immer perfekt aussah. Alexander tastete nach dem Pflaster in seinem Gesicht und nickte.
“Ja, man sollte sich nicht rasieren, wenn man abgelenkt ist.”, erwiederte er mit einem schiefen Lächeln.
“Abgelenkt? Na woran hast Du denn wieder gedacht?”
“Ach, nur Kram von der Arbeit.”, log er. “Nur Kram von der Arbeit.”
Nadine stemmte ihre kleinen Hände in die Hüften. “Na, nun entspann Dich mal. Wochenende ist Familienzeit.”

Und wieder so ein unterschwelliger Vorwurf. “Wochenende ist Familienzeit.” hatte sie gesagt, aber eigentlich meinte sie “Du arbeitest zu viel.” oder “Nie bist du für mich da.”, da war er sich sicher. Gott, wie ihm ihre ständige Nörgelei auf die Nerven ging.

Es knackte in seinem Ohr und ein leises Pfeifen schlich sich in Alexanders Bewusstsein.

Am Mittag waren sie zum Essen mit Daniel und Regina verabredet, Freunden von ihr, die sie im Yoga-Kurs kennengelernt hatte. Die beiden waren ganz okay, aber so langweilig, wie ein Pärchen nur sein konnte. Er war Informatiker im öffentlichen Dienst sie war irgendwas im Büro. Normalerweise hatte Alexander kein großes Problem damit, zwei Stunden mit inhaltlosem Smalltalk über das Wetter, Politik und die Lage an der Börse zu verbringen, aber an diesem Tag hätte er sich bei der Vorstellung daran übergeben können.

“Willst Du wirklich den roten Pullover anziehen?”, fragte Nadine, kurz bevor ihre Gäste eintreffen sollten. Nadine hatte gleich nach dem Frühstück angefangen zu kochen und es duftete herrlich nach Knoblauch und Tomaten. “Ich finde den neuen dunkelblauen, den ich Dir zu Ostern geschenkt habe viel schöner. Dieses olle Ding können wir vielleicht langsam mal ausmustern, oder?”

Alexander mochte seinen roten Pullover. Ja, er war vielleicht alt, aber für sein Verständnis sah er immer noch gut aus. Um Diskussionen zu vermeiden, schnappte er sich den blauen Pullover aus dem Schrank, trottete ins Bad und schloss die Tür hinter sich. Das Pfeifen war lauter geworden. Eigentlich klang es gar nicht nach Tinnitus, sondern anders. Fast wie eine entfernte Stimme, die rief. Oder brüllte.

Es kam näher.

Erneut fiel sein Blick in den Spiegel und Alexander erschrak. Die Haut um sein rechtes Auge hing scheinbar schlaff herunter und sah brüchig und trocken aus und das Auge selbst hatte eine grässliche rötlich-gelbe Färbung angenommen.
Ein kurzer Schrei entwich seiner Kehle und sein Herz begann in seiner Brust zu Hämmern. Was zur Hölle war das? Irgendeine Krankheit? Ebola? Nein, er fühlte sich nicht schlecht. Genau genommen fühlte er sich sogar ziemlich gut.
Das Brüllen dröhnte nun in seinen Ohren, füllte seinen Geist.

“Alles okay, Schatz?”, rief seine Frau durch die Tür, die offenbar seinen Schrei gehört hatte.
“A-Alles gut!”, antwortete Alexander hastig, der sich nicht noch mehr Vorwürfe darüber anhören wollte, wie er denn nun wieder aussah und warum sie denn nun extra wegen ihm wieder ins Krankenhaus fahren müssen, wo sie doch eigentlich zum Essen verabredet waren und sie so lange dafür in der Küche gestanden hatte.

Er tastete mit seiner Hand über die schlaffe Haut und diese zerbröckelte unter der Berührung. Das was darunter zum Vorschein kam, war noch viel erschreckender als er befürchtet hatte. Eine zweite Hautschicht befand sich darunter. Dunkel und knotig und feucht glänzend. Sein entzündetes rotes Auge, aus dem etwas Eiter in einem dünnen Rinnsal über sein Gesicht lief funkelte ihn in.

“Daniel und Regina sind bestimmt bald da. Brauchst Du noch lange?”, dröhnte Nadines Stimme durch die Tür, doch Alexander antwortete nicht. Seine Finger gruben sich in seine noch rosige Haut auf der linken Seite seines Gesichtes und ein stechender Schmerz durchzuckte seinen ganzen Körper als er zog und zerrte und sich die Haut langsam aber sicher und feucht schmatzend von seinem Schädel löste.

“Schatz?”, rief seine Frau. “Beeilst Du dich bitte?”
Es tobte und brüllte in seinem Geist und liess keinen klaren Gedanken zu.

Die Überreste seines Gesichtes klatschten blutig in das Waschbecken, seine Hände zu Klauen gekrümmt und blutverschmiert. Alexander sah auf, sah in den Spiegel und blickte dem Monster in die Augen. Zum ersten Mal in seinem Leben erkannte er sich selbst und lachte kehlig, als ein ihn bisher unbekanntes Gefühl von Freiheit und Macht durchströmte.

Die Tür zum Badezimmer ging auf und Nadine betrat den Raum.
“Sag mal, was machst Du denn hier eigentlich so lange? Gehts Dir nicht gut?”, fragte sie ihn und sah ihren Ehemann an. Diesmal mit echtem Vorwurf in der Stimme, aber ohne jede Spur von Entsetzen.

Das Brüllen verstummte.

“Oh doch.”, lächelte Alexander und seine Augen wanderten zu der verführerisch spitzen Nagelfeile die auf dem kleinen Brettchen unter dem Spiegelschrank lag. “Es geht mir sogar sehr gut.”


 

Der Messias

Nein, Jesus liebte ihn wirklich nicht, soviel war klar. Ansonsten hätte er ihm wohl kaum vor einer halben Stunde das Nasenbein gebrochen. Und den einen oder anderen Knochen, dessen Namen er nicht kannte. Judas Ischariot lag im Staub hinter seiner kleinen Hütte und bereute zum ersten Mal in seinem Leben so richtig, dass die Gier ihn vor zwei Wochen gepackt hat und er dem Nazarener beim Abendessen einen Kuss aufgedrückt hatte, der ihn letztendlich an die Römer und damit ans Kreuz ausliefern sollte.

„Leg Dich nicht mit dem Sohn Gottes an!“, hatte seine Mutter immer gesagt, aber Judas hatte nicht auf sie hören wollen. „Wenn sich einer schon Messias nennt, dann kann der nur Ärger bedeuten.“, hat sie ihm wieder und wieder eingebläut. Das hatte er nun davon.

Er stemmt sich hoch und verzog das Gesicht, an dem Staub und Blut klebten. Der metallene Geschmack ließ ihn würgen und er spuckte aus, als er es geschafft hatte sich aufzurichten und an einer Wand abzustützen. Humpelnd schleppt er sich auf die kleine Straße vor seinem Haus und sah sich nach links und rechts um. Vom Messias keine Spur. Gottseidank. Andererseits war Gott in dieser Sache vermutlich ein wenig parteiisch, so dass Judas sich nicht ganz sicher war, wem er denn nun danken sollte.

In einem nahen Brunnen, tauchte er seinen Ärmel ein und wischte sich damit übers Gesicht. Das Wasser kühlte und verschaffte seinen Schmerzen ein wenig Linderung. Seine Unterlippe, die den Handrücken des Gottessohnes zu spüren bekommen hatte, pochte im Rythmus seines Herzens.

Wie bitte schön hätte Judas denn wissen sollen, dass sich die Dinge so entwickeln würden? Gut, Jesus konnte diesen Wasser zu Wein-Trick, den er immer mal wieder gern auf Feiern zum besten gab, aber da hatte er schon wesentlich eindrucksvollere Dinge gesehen. Der alte Kerl aus Ägypten mit seinem brennenden Busch zum Beispiel hatte Judas in jungen Jahren schwer beeindruckt. Aber mal im Ernst: Bei all den Erscheinungen, Wundern und Offenbarungen, von denen man in letzter Zeit zu hören bekam, musste man doch irgendwann abstumpfen. So spektakulär ist da nun auch nicht, wenn aus Wasser plötzlich Wein wird und jemand behauptet, der Sohn Gottes zu sein. Schließlich behauptete das in letzter Zeit fast jeder Zehnte von sich. Seit man Jesus ans Kreuz genagelt hatte, waren diese Aufschneider allerdings abrupt verstummt. Feiglinge!

Judas hatte schon fast gedacht, die Sache wäre richtig gut für ihn gelaufen. Er wollte sich vor einer guten Stunde was zu essen besorgen und schlenderte unbekümmert die Straße runter, als plötzlich der Heiland vor ihm stand. Er hatte ja mit allem möglichen gerechnet, aber Auferstehung war nun wirklich nicht dabei. An diesem Tag musste Judas Ischariot feststellen, dass er von Jesus Christus zwar viel gelernt hatte, aber dass dieser offenbar immer allein trainierte, wenn es um Boxen ging. Nächstenliebe hin, Nächstenliebe her. Wenn man von Toten zurückkehrte, weil man von einem Freund verraten wurde, wurde auch der Messias stinksauer.


 

Tote Terrier

Die Gartenzwerge aus Plastik im Vorgarten des Nekromanten stimmten mich nachdenklich. Ihre kleinen rotlackierten Mützen glänzten in der Nachmittags-Sonne und die kleinen Kerle waren mit ihren kleinen Schaufeln und der kleinen Schubkarre wie in einer tiefgefrorenen Szene emsiger Gartenarbeit aufgestellt. Unweigerlich fragte ich mich schmunzelnd, ob die Zwerge wohl nachts zum Leben erwachten und die Gräber für irgendwelche Jungfrauenopfer schaufelten.

Zwei mies gestylte Teenager mit T-Shirts von irgendeiner Death-Trash-Goth-Metalband, schwarzem Lippenstift und dunklem Eyeliner, die sich selbst Harry und Larry nannten, hatten mir diese Adresse gegeben. Nun stand ich hier, vor einer perfekt gestutzten Hecke und blickte über den exakt 3mm langen Rasen auf die Veranda des Nekromanten, vor dessen Haustür eine Fussmatte lag, die jeden Besucher mit einem freundlichen „Jeder Tag ohne ein Lächeln ist ein verlorener Tag“ begrüßte. Ich kam mir lächerlich vor. Ganz ehrlich. Aber wenn die Frau, nach der man sich seit Jahren verzehrte, einem ihren Zucht-Terrier anvertraute und dieser durch eine unglückliche Verkettung der Ereignisse von einem Mähdrescher überrollt wird, (Fragen Sie nicht!) dann ist man schon bereit so manche Lächerlichkeit in Kauf zu nehmen.

Aus dem Haus klang ein süßliches „Dingdong“, als ich den Klingelknopf aus poliertem Messing drückte und ein wenig nervös mein Hemd glatt strich. Ich hörte Schritte hinter der Tür und war von einem buckligen Igor bis hin zu einer freundlichen alten Dame mit einem Blech frischgebackener Kekse auf so ziemlich alles vorbereitet.

Die Tür öffnete sich ohne das leiseste Quietschen, was mich fast ein wenig enttäuschte und ein Mann mittleren Alters sah mich ernst von oben herab an. Er war über zwei Meter groß, schlank und hatte leicht schütteres, dunkelbraunes Haar. Er trug eine dunkelgraue Stoffhose, ein weisses Hemd, darüber einen rot-grün karierten Pollunder und an den Füßen zwei schneeweisse Pantoffeln, die die Form von fluffigen Hasen hatten.

Ich schluckte und fand schließlich meine Sprache wieder. „Ah… Hi, ich bin Phil Jenkins. Ich hab ihre Adresse von Harry und Larry.“
„Alles klar, kommen Sie rein.“ Die Stimme des Mannes war zu meiner Überraschung sehr angenehm. Tief und ein wenig grollend, aber nicht das geringste bisschen bedrohlich. Ich betrat das Haus und der Nekromant schloss die Tür hinter mir.

„Haben die beiden Sie über mein Honorar aufgeklärt?“
„Honorar? Nein, das haben sie mir verschwiegen.“ Ich kramte mit der rechten Hand in meiner Tasche und holte mein Portemonnaie heraus. „Ich habe knapp 50 Dollar dabei, reicht das aus?“
„Haustier?“, fragte er und blickte leicht angewidert auf den Karton, den ich die ganze Zeit schon unter meinem Arm trug.
Ich nickte. „Terrier.“
„Dann reichen 50 Dollar nicht.“
„Nehmen Sie auch Karte?“ fragte ich und kam mir im selben Moment ziemlich dämlich vor. Der Mann runzelte nur die Stirn und schüttelte den Kopf.
„Ich könnte ihnen auch meine unsterbliche Seele anbieten.“, scherzte ich und kicherte dabei wie ein Idiot.

Der Mann lächelte zum ersten Mal und sagte: „Gut, das wird reichen. Hier entlang bitte.“, als er mit einer einladenden Geste in sein gemütliches Wohnzimmer deutete.

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